Journal · Familie

Kleine Bürger einer großen Stadt

Marseille · 28. Mai 2026 · Martina Rogy

Marseille hat den Ruf einer rauen Stadt — und ist gleichzeitig ein erstaunlich guter Ort für Kinder. Drei Beobachtungen aus einem Familien-Wochenende, das wir mit anderen geteilt haben und das uns beigebracht hat, was diese Stadt mit Kindern besonders macht.

Die Calanques zu Fuß — auch mit kleinen Beinen

Was uns immer wieder überrascht: Die Calanques sind ein Nationalpark, der direkt am Stadtrand beginnt — kein langer Anfahrtsweg, kein touristisches Aufpassen. Vom Apartment fährt man mit dem Bus in 30 Minuten an den Eingang von Sormiou oder Morgiou, und schon ist man in einer Landschaft, die nichts mehr mit Stadt zu tun hat: weiße Kalkfelsen, Aleppokiefern, Mittelmeerblau bis zum Horizont. Die kurzen Wege sind auch mit Sechsjährigen machbar; in der heißen Saison gilt: vor 9 Uhr losgehen oder erst nach 17 Uhr.

Es gibt einen Moment auf jeder dieser Wanderungen, an dem die Kinder sich auf einen weißen Felsen setzen und einfach nur den Horizont anschauen — und alle Erwachsenen plötzlich auch ruhig werden. Das ist es, wofür man hierherkommt.

Der Riesenkrebs am Prado-Strand

An der Promenade des Plages du Prado, direkt am Stadtstrand, steht eine begehbare hölzerne Krebs-Skulptur, die so groß ist, dass Kinder durch sie hindurch klettern können. Nicht als Spielplatz konzipiert, sondern als Kunst — aber das interessiert keinen Sechsjährigen. Daneben ein Riesenrad im Winter, ein Kieselstrand zum Steinesammeln, ein Park mit Pinien. Marseille meint es ernst mit seinen Stränden in der Stadt — und genau das macht die Stadt familientauglich.

Kieselbuchten und Stille am Wasser

Was viele nicht wissen: Marseille hat zwischen seinen großen Stränden lauter kleine, namenlose Kieselbuchten, die man zu Fuß über kleine Treppen erreicht. Wir haben einige davon mit den Kindern gefunden, und es waren genau die Momente, die ihnen jetzt noch von Marseille in Erinnerung sind: ein Kind, das mit dem Rücken zur Stadt am Wasser sitzt, die Iles du Frioul im Dunst am Horizont, und niemand sonst da. Eine halbe Stunde Bus, fünfzehn Minuten Treppe, und Marseille gehört einem.

Wenn Kinder Architektur machen

An einem dieser Strände, zwischen Schwimmen und Abendessen, haben unsere Kinder einmal eine kleine Hütte gebaut. Treibholz von der letzten Welle, ein paar Ziegelbrocken aus dem Wasser, ein Stück Eisendraht. Eine Stunde Arbeit. Am nächsten Morgen stand sie noch da, am Abend auch — und tatsächlich noch zwei Wochen später, als wir wieder vorbeikamen. In den meisten Städten wäre das nach einer Nacht weggeräumt; in Marseille darf so etwas stehen, bis es das Meer holt. Eine kleine Architektur, von Kinderhänden, neben den großen Hafenfassaden der Stadt. Mehr über diese leise Form von DIY-Geist am Strand in einem eigenen Beitrag.

Die Stadt ist nicht für Familien gemacht im klassischen Sinn — sie hat kein Disneyland, keinen Family-Adventure-Park, kein „kinderfreundliches" Branding. Aber sie hat etwas Besseres: Sie behandelt Kinder wie kleine Bürger, nicht wie Zielgruppe. Sie dürfen überall mitkommen, sie werden ernst genommen, sie dürfen bauen, was sie wollen — und sie haben am Ende des Tages mehr erlebt als in jedem Vergnügungspark.

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